Der Dry January ist vorbei – jetzt bitte kurz Vollgas bis Aschermittwoch
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Jochen Mössner
- MAGAZIN
- 01.02.2026
Kaum hat der Kalender den 1. Februar erreicht, hört man es landauf, landab leise ploppen. Nein, das ist kein Eis, das taut – das sind Korken. Der Dry January ist offiziell vorbei. Vier Wochen Disziplin, Selbstoptimierung und alkoholfreie "Alternativen", die teils schmecken, als hätte jemand Traubensaft mit guten Vorsätzen verdünnt. Jetzt aber: Freiheit. Naja, zumindest bis Aschermittwoch.
Denn wie wir alle wissen, ist der Februar im Grunde der inoffizielle Sprintmonat der Genussmenschen. Kurz, hektisch, emotional – und ideal, um all das nachzuholen, was man sich im Januar tapfer verkniffen hat. Der Körper ist entgiftet, die Leber geschniegelt und gestriegelt, die Seele bereit für Rotwein, Weißwein, Schaumwein und alles dazwischen.
Plötzlich sitzt man wieder im Restaurant und liest Weinkarten wie früher Liebesbriefe. Man diskutiert Rebsorten mit einer Ernsthaftigkeit, die man im Januar höchstens beim Blick auf den Haferdrink an den Tag gelegt hat. "Ich nehme nur ein Glas" ist dabei eine Formulierung mit sehr dehnbarem Interpretationsspielraum – ähnlich wie "ab morgen mache ich wieder Sport".Der Zeitraum zwischen Ende des Dry January und Aschermittwoch ist ohnehin ein gesellschaftliches Phänomen. Er vereint das Beste aus zwei Welten: die moralische Überlegenheit des Verzichts ("Ich hatte ja einen ganzen Monat nichts") und die emotionale Entschlossenheit des Genießens ("Jetzt aber richtig"). Wer hier Maß hält, hat das Spiel nicht verstanden.Natürlich wird alles wissenschaftlich begründet. Der Stoffwechsel sei jetzt effizienter. Der Geschmackssinn sensibler. Die Lebensfreude sowieso. Und falls doch ein schlechtes Gewissen anklopft, wird es mit dem Hinweis beruhigt, dass die Fastenzeit ja auch wieder kommt. Balance ist schließlich alles.
Und so heben wir die Gläser – nicht aus Trotz, sondern aus Tradition. Auf den Februar, den Monat der kurzen Eskalation. Auf die Winzer, die uns geduldig durch den Januar gebracht haben. Und auf Aschermittwoch, der uns dann wieder einfängt, wenn wir glauben, das Leben bestünde ausschließlich aus gutem Essen und noch besseren Weinen.