Dry January: 31 Tage Wüste, 11 Monate Erinnerung
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Jochen Mössner
- MAGAZIN
- 01.01.2026
Kaum ist Silvester verklungen, zieht er wieder durchs Land: der Dry January. Ein Monat ohne Alkohol, ohne Ausreden, ohne „nur ein Glas“. Die Idee ist ehrenwert, der Tonfall oft missionarisch, das Ergebnis nicht selten unerquicklich. Denn während draußen die Tage kurz, grau und nass sind, soll es im Glas plötzlich staubtrocken bleiben – aus Prinzip.
Natürlich: Nach Dezember mit Glühwein, Festtagsmenüs und dem berühmten „Ach komm, einer geht noch“ ist der Wunsch nach Pause verständlich. Der Körper freut sich, die Leber winkt dankbar, der Schlaf wird tiefer. Alles richtig. Und doch stellt sich die Frage, warum ausgerechnet der Januar zum moralischen Hochleistungsmonat erklärt wird. Kaum Sonne, kaum Farbe, kaum Genuss – und dann auch noch Verzicht. Trocken ist eben auch keine Lösung.
Der Dry January leidet vor allem an seiner Absolutheit. Null oder Eins, Trinken oder Nichttrinken, Reinheit oder Reue. Genuss aber funktioniert selten binär. Wer Wein nur als Alkoholträger betrachtet, verpasst seinen eigentlichen Kern: Kultur, Handwerk, Herkunft, Maß. Ein gutes Glas Wein ist kein Fluchtmittel, sondern im besten Fall ein Gesprächspartner – leise, differenziert, manchmal widersprüchlich, aber nie laut.
Ironischerweise reden viele Dry-January-Apologeten gerade dann besonders viel über Alkohol, wenn sie keinen trinken. Da werden Apps konsultiert, Tage gezählt, soziale Medien mit Detox-Bekenntnissen geflutet. Der Wein ist abwesend – aber allgegenwärtig. Auch eine Form von Obsession.
Vielleicht liegt die Lösung wie so oft nicht im Entweder-oder, sondern im Dazwischen. Weniger, bewusster, besser. Ein Glas statt einer Flasche. Qualität statt Quantität. Oder auch mal gar keines – aber ohne den moralischen Zeigefinger gegen sich selbst oder andere. Genuss darf leise sein. Und freiwillig.
Der Januar könnte schließlich auch ein Monat sein, um neu hinzuschmecken: nicht zu schwere Weine, niedrigere Alkoholgrade, mehr Säure, mehr Frische. Oder schlicht bessere Fragen: Warum trinke ich? Was trinke ich? Und macht es mir wirklich Freude?
Denn am Ende gilt: Trocken ist kein Ziel an sich. Haltung schon. Und die zeigt sich nicht darin, einen Monat lang nichts zu trinken – sondern darin, zu wissen, wann ein Glas genug ist. Oder genau richtig.