Pastis – das flüssige Stück Provence
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Jochen Mössner
- MAGAZIN
- 27.08.2025
Wenn in Südfrankreich am frühen Abend die Terrassen lebendig werden, klirren bald Gläser mit einem ganz besonderen Getränk: Pastis. Der Anis-Aperitif aus Marseille ist weit mehr als nur ein alkoholisches Getränk – er ist Symbol für Lebensart, Geschichte und ein Stück französische Kultur.
Herkunft und Entstehung
Die Wurzeln des Pastis liegen in der Provence, genauer in Marseille. Nach dem Verbot von Absinth im Jahr 1915 suchten die Franzosen nach Alternativen. In den 1920er-Jahren begannen kleine Brennereien, anisbasierte Spirituosen zu entwickeln, die an den geliebten Absinth erinnerten, jedoch ohne das umstrittene Wermutkraut auskamen. 1932 brachte Paul Ricard seinen „Pastis de Marseille“ auf den Markt – das war die Geburtsstunde des Pastis, wie wir ihn heute kennen.
Tradition und Kultur
Pastis ist eng verknüpft mit dem mediterranen Lebensgefühl. Er wird traditionell am Nachmittag oder frühen Abend als Aperitif genossen, stets mit Wasser verdünnt. Das Mischungsverhältnis ist dabei fast eine Glaubensfrage – manche schwören auf fünf Teile Wasser zu einem Teil Pastis, andere bevorzugen ein kräftigeres Verhältnis. Typisch ist das charakteristische „Louchieren“: Kommt das Wasser hinzu, färbt sich die klare Spirituose milchig-trüb.
Pastis wird nicht nur getrunken, sondern inszeniert – ein Ritual, das den Rhythmus des südfranzösischen Alltags unterstreicht. Er ist der ständige Begleiter beim Boules-Spiel, in Straßencafés oder bei geselligen Abenden am Meer.
Herstellung und Geschmack
Die Basis von Pastis ist Sternanis oder grüner Anis, kombiniert mit einer Vielzahl aromatischer Kräuter wie Süßholz, Fenchel oder Kräuter der Provence. Dadurch erhält er sein unverwechselbares Aroma: würzig, leicht süßlich und zugleich erfrischend. Der Alkoholgehalt liegt meist bei 40–45 %.
Moderne Vielfalt
Heute gibt es neben den großen Marken wie Ricard oder Pernod auch zahlreiche kleine Produzenten, die Pastis handwerklich herstellen und mit regionalen Kräutern experimentieren. Manche interpretieren das Getränk neu – milder, weniger süß oder mit zusätzlichen botanischen Noten. Damit erlebt der Pastis eine kleine Renaissance und spricht auch ein jüngeres, experimentierfreudiges Publikum an.
Pastis ist weit mehr als nur ein Aperitif – er ist ein kulturelles Symbol der Provence, das französisches Savoir-vivre in ein Glas gießt. Wer Pastis trinkt, nippt nicht nur an einer Spirituose, sondern an einem Lebensgefühl: entspannt, gesellig und untrennbar mit dem Süden Frankreichs verbunden.