Trinken statt Böllern
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Jochen Mössner
- MAGAZIN
- 31.12.2025
Es gibt Menschen, die begrüßen das neue Jahr mit einer inneren Einkehr, einem guten Vorsatz und vielleicht einem warmen Tee. Und dann gibt es Deutschland an Silvester. Ein Land, das kollektiv beschließt, sehr viel Geld in die Luft zu jagen, um anschließend mit leichtem Tinnitus und schwerer Reue festzustellen: Ach so, das war’s schon?
Dabei ist die Sache doch eigentlich klar. Wenn wir schon knallen wollen, dann bitte im Glas.
Böllern ist ja eine merkwürdige Leidenschaft. Man kauft etwas, das absichtlich explodiert, freut sich kurz über „Bumm!“, und fegt danach bunte Pappreste vom Gehweg. Der Hund zittert, die Nachbarn hassen sich ein bisschen mehr als sonst, und irgendwo fragt sich ein Feuerwehrmann, warum er diesen Beruf gewählt hat.
Ein gutes Getränk hingegen explodiert nicht. Es perlt höchstens. Und selbst das nur dezent. Statt Rauch gibt es Aromen, statt Feinstaub feine Noten von Apfel, Kirsche oder „das riecht irgendwie nach Sommerurlaub“. Wer trinkt, hinterlässt keine Krater, sondern höchstens sentimentale Gespräche über „weißt du noch früher“.
Natürlich sagen die Böller-Fans: „Aber das gehört doch dazu!“ Ja. Wie der Vorsatz, mehr Sport zu machen, und das Raclette, das man am 2. Januar nicht mehr sehen kann. Tradition ist kein Argument, sondern oft nur Gruppendruck mit Glitzer.
Stellen wir uns doch mal eine Alternative vor: Punkt Mitternacht. Kein ohrenbetäubendes Geknalle, sondern das kollektive „Plopp“ von Korken. Kein panisches Ducken, sondern entspanntes Anstoßen. Keine Feuerwehrsirenen, sondern der Nachbar, der zum dritten Mal „Prosit“ sagt, obwohl es immer noch erst 00:07 Uhr ist.
Und ganz ehrlich: Wenn man schon Geld verbrennen will, dann wenigstens innerlich. Ein schönes Glas wärmt, verbindet und sorgt dafür, dass selbst schlechte Witze plötzlich erträglich werden. Ein Böller dagegen sagt nur: „Ich war teuer und bin jetzt weg.“
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Das neue Jahr wird nicht besser, weil es lauter beginnt. Sondern vielleicht, weil man es mit Menschen startet, die man mag, und mit einem Getränk, das man nicht sofort bereut.
In diesem Sinne: Trinken statt Böllern. Knallen lassen – aber bitte nur die Korken.