Weinlexikon

Vernatsch

Vernatsch ist die traditionelle rote Rebsorte Südtirols: hell in der Farbe, leicht im Körper und arm an Gerbstoff. In Italien heißt sie Schiava, in Württemberg Trollinger.

Was ist Vernatsch?

Vernatsch ist die traditionelle rote Rebsorte Südtirols und der deutschsprachige Name für das, was in Italien Schiava und in Württemberg Trollinger heißt. Die Weine sind hell in der Farbe, leicht im Körper, arm an Gerbstoff und werden jung getrunken. Der deutsche Name Trollinger leitet sich von "Tirolinger" ab, also "der aus Tirol", und ist damit selbst ein Hinweis darauf, dass die Sorte aus dem Süden nach Norden kam. In Trentino-Südtirol ist sie seit mindestens dem 13. Jahrhundert belegt, in Württemberg erst ab dem 14. Jahrhundert.

Woher der Name Vernatsch stammt, ist nicht abschließend geklärt. Er wird entweder auf das mittelalterliche Sammelwort Vernaccia zurückgeführt oder auf lateinisch vernaculus, also "einheimisch". Beide Spuren enden beim lateinischen verna. Wichtig für die Abgrenzung: Die weiße italienische Sorte Vernaccia hat mit Vernatsch nichts zu tun. Auch die verbreitete Erzählung, der italienische Name Schiava komme von "schiavo" und verweise auf Sklaven, greift zu kurz. Gemeint war nach Auffassung des Südtiroler Weinkonsortiums die niedrige, "geknechtete" Erziehungsform der Rebe im Gegensatz zur damals üblichen hohen Baumerziehung.

Vernatsch-Trauben an der Pergel in einem Südtiroler Weinberg
Vernatsch an der Pergel: die traditionelle Erziehungsform Südtirols, hier in einer Hanglage über Bozen.

Eine Sorte oder eine Familie?

Vernatsch ist keine einzelne Sorte, sondern eine Sortenfamilie. Ampelographisch werden drei Hauptvertreter unterschieden:

  • Großvernatsch (Schiava Grossa) mit ungewöhnlich großen, dünnschaligen Beeren. Er ist identisch mit dem Württemberger Trollinger und heute die dominierende Spielart.
  • Mittervernatsch (Schiava Gentile), von Ampelographen lange als die feinste der Familie eingestuft und genetisch ein Elternteil des Lagrein.
  • Grauvernatsch (Schiava Grigia), eine eigenständige Sorte. Das "grau" bezieht sich nicht auf die Beeren, die sind blauviolett, sondern auf die Blütenfarbe.

Daneben begegnet man in Südtirol den Namen Edelvernatsch und Tschaggelevernatsch. Edelvernatsch wird meist mit dem Mittervernatsch gleichgesetzt, der Tschaggele ist eine Auslese des Großvernatsch mit kleineren Trauben. Über die Urherkunft der Familie ist wenig bekannt: DNA-Analysen konnten bisher keine Verwandtschaft zu anderen europäischen Sorten nachweisen, Ähnlichkeiten zu Ribolla Gialla und Heunisch deuten auf Ostmitteleuropa hin.

St. Magdalener, Kalterersee und Meraner

Vernatsch tritt fast immer unter einem Herkunftsnamen auf, nicht unter dem Sortennamen. Drei zählen:

St. Magdalener ist die kräftigste Ausprägung und trägt den Beinamen "Königin des Vernatsch". Am warmen Hang über Bozen dürfen bis zu 15 Prozent Lagrein oder Blauburgunder mitgekeltert werden, traditionell standen die Lagrein-Stöcke im selben Weinberg. Das gibt dem Wein mehr Farbe, Körper und Gerbstoff, er wird bei 14 bis 17 Grad getrunken und verträgt etwas Flaschenreife. Die Zusatzbezeichnung Classico gilt nur für das historische Kerngebiet.

Kalterersee ist die größte Herkunft und die mildeste: rund, fruchtig, unkompliziert. Mindestens 85 Prozent Vernatsch müssen enthalten sein, die Reben dürfen bis 600 Meter stehen. Die Stufen unterscheiden sich allein über den Mindestalkohol, von 10,5 Prozent beim einfachen Kalterersee bis 12 Prozent beim Klassisch Superiore Auslese. Achtung: "Auslese" ist hier kein Prädikat im deutschen Sinn und sagt nichts über Restsüße aus.

Meraner aus den Hügeln um Meran ist die leichteste und duftigste Variante, oft mit einer feinen salzigen Note. Auch hier gilt die 85-Prozent-Regel.

Glas mit hellrotem Vernatsch neben Südtiroler Speck und Schüttelbrot
Vernatsch wird leicht gekühlt getrunken und ist der klassische Begleiter zur Südtiroler Marende.

Geschmack, Trinktemperatur und Speisen

Im Glas ist Vernatsch hell- bis rubinrot und deutlich lichter als die meisten Rotweine. Er duftet nach süßer Kirsche, Johannisbeere und Himbeere, dazu kommen Veilchen und eine typische Mandelnote. Gerbstoff und Säure liegen niedrig, der Alkohol meist zwischen 11 und 13 Prozent. Genau das macht ihn zum Trinkwein im besten Sinn: Er braucht keine Reife und keine Andacht.

Servieren Sie ihn leicht gekühlt bei 12 bis 14 Grad, der kräftigere St. Magdalener verträgt 14 bis 17 Grad. Er passt zur Südtiroler Küche mit Speck, Knödeln und Schlutzkrapfen, zu Aufschnitt und Pökelfleisch, zu Kalbfleisch und mittelgereiftem Käse. In Südtirol wird er auch als gekühlter Aperitif gereicht.

Vom Massenwein zur Wiederentdeckung

Kaum eine Sorte hat einen solchen Absturz hinter sich. Um 1970 stand Vernatsch auf 68 Prozent der Südtiroler Rebfläche, heute sind es rund 468 Hektar oder etwa acht Prozent. Am stärksten traf es den Kalterersee, dessen Fläche von über 2.500 Hektar Ende der siebziger Jahre auf unter 400 Hektar schrumpfte. Der Grund war wirtschaftlich, nicht önologisch: Ein Hektar Vernatsch bringt oft nur die Hälfte dessen ein, was Weißweintrauben aus guten Lagen erlösen, und die Branche tut sich schwer, die Flasche über sieben Euro zu verkaufen.

Seit einigen Jahren dreht sich das Bild. Erzeuger pflanzen wieder neue Vernatsch-Weinberge, alte Reben werden gezielt als solche abgefüllt, und Spitzenweine aus dem St. Magdalener erzielen inzwischen deutlich höhere Preise. Historische Flaschen aus den siebziger und achtziger Jahren zeigen zudem, dass gut gemachter Vernatsch entgegen seinem Ruf durchaus altern kann. In der Kategorie der leichten Rotweine trifft er genau den Nerv jüngerer Weintrinker. In Württemberg ist die Sorte als Trollinger mit rund 1.900 Hektar weiterhin die meistangebaute rote Rebsorte, fällt dort aber säurebetonter aus als am Kap des Südens.

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