Weine von alten Reben
-
Jochen Mössner
- MAGAZIN
- 11.02.2025
Die Vorzüge alter Reben und die Bedeutung der Unterlagsreben
Alte Reben gelten unter Weinliebhabern als ein besonderes Qualitätsmerkmal, da sie oft Weine mit tieferer Komplexität, Konzentration und Struktur hervorbringen. Im Gegensatz zu jüngeren Reben, die in den ersten Jahren nach der Pflanzung hohe Erträge liefern, reduziert sich die Traubenmenge mit zunehmendem Alter. Dies führt zu kleineren, aber aromatisch intensiveren Beeren, die mehr Tannine, Säure und Extraktstoffe enthalten. Diese Faktoren tragen dazu bei, dass Weine aus alten Reben oft langlebiger und vielschichtiger sind.
Warum sind alte Reben so wertvoll?
-
Tiefere Wurzeln und bessere Nährstoffversorgung: Alte Reben haben über Jahrzehnte hinweg tief reichende Wurzelsysteme entwickelt, die es ihnen ermöglichen, Wasser und Mineralien aus tieferen Bodenschichten aufzunehmen. Trotz der Tatsache, dass Mineralien hauptsächlich über die Feinwurzeln in Bodennähe aufgenommen werden, wirken Weine von alten Reben oft mineralischer. Dies sorgt für eine ausgeprägte Mineralität in den Weinen und eine bessere Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit.
-
Natürliche Ertragsreduzierung: Mit zunehmendem Alter verringert sich die Fruchtproduktion der Reben, was zu einer höheren Konzentration an Aromastoffen in den verbleibenden Trauben führt. Dadurch entstehen Weine mit intensiveren Aromen und einer komplexeren Struktur.
-
Anpassung an das Terroir: Alte Reben haben sich optimal an ihre Umweltbedingungen angepasst. Dies macht sie widerstandsfähiger gegen klimatische Extreme und Krankheitsdruck, was besonders in Zeiten des Klimawandels ein entscheidender Vorteil sein kann.
Keine gesetzliche Definition für „Alte Reben“
Begriffe wie „Alte Reben“, „Vieilles Vignes“ oder „Old Vines“ sind oft auf Weinflaschen zu finden, doch es gibt bisher keine einheitliche oder gesetzlich geregelte Definition für diese Bezeichnungen. Je nach Region und Produzent kann das Alter der Reben stark variieren, sodass Weine mit dieser Kennzeichnung nicht zwangsläufig aus sehr alten Weinbergen stammen müssen.
Wurzelechte Reben und die Reblauskrise
Vor dem späten 19. Jahrhundert wurden alle Reben in Europa wurzelecht gepflanzt, das heißt, sie wuchsen auf ihren eigenen Wurzeln, ohne auf eine Unterlagsrebe gepfropft zu sein. Dies änderte sich mit der verheerenden Reblauskrise, die Ende des 19. Jahrhunderts nahezu alle Weinberge Europas zerstörte. Die aus Nordamerika eingeschleppte Reblaus (Phylloxera) befiel die Wurzeln der europäischen Reben und führte zu ihrem Absterben.
Warum werden Edelreben heute auf amerikanische Unterlagsreben gepfropft?
Um die Weinberge vor weiteren Reblausangriffen zu schützen, wurden europäische Edelreben (Vitis vinifera) auf resistente amerikanische Unterlagsreben gepfropft. Amerikanische Reben haben eine natürliche Resistenz gegen die Reblaus, da ihre Wurzeln eine Schutzschicht entwickeln, die die Schädlinge abhält. Diese Technik ermöglichte es, den Weinbau in Europa wieder aufzubauen und dauerhaft zu sichern.
Seltene Ausnahmen: Wurzelechte Reben heute
In wenigen Regionen, in denen die Reblaus aufgrund besonderer Bodenbeschaffenheiten (z. B. sandige oder vulkanische Böden) nicht überleben kann, existieren noch wurzelechte Reben. Beispiele dafür sind Teile der Kanarischen Inseln, Santorin in Griechenland oder einige Weinberge in Chile und Argentinien. Auch an der Mosel gibt es noch wurzelechte Reben, insbesondere auf den steilen Schieferhängen. Der karge, steinige Schieferboden ist für die Reblaus ungeeignet, da sie sich in diesen trockenen und steinhaltigen Verhältnissen nicht ausbreiten kann. Dies ermöglicht es, dass einige historische Weinberge bis heute ohne amerikanische Unterlagsreben existieren. Weine aus diesen alten wurzelechten Reben gelten als besondere Raritäten, da sie eine noch unverfälschtere Ausdruckskraft des Terroirs zeigen. Allerdings dürfen in Deutschland keine ungepfropften Reben nachgepflanzt werden. Das bedeutet, dass diese Bestände allmählich verschwinden werden und es in Zukunft keine wurzelechten Reben mehr geben wird.
Fazit
Alte Reben bringen in der Regel Weine mit tieferer Komplexität und Struktur hervor. Durch ihre tieferen Wurzeln sind sie robuster gegen Klimaextreme und erbringen natürlich geringere, aber hochwertigere Erträge. Wurzelechte Reben sind heute eine Seltenheit, da fast alle Rebstöcke aus Schutz vor der Reblaus auf amerikanische Unterlagsreben gepfropft werden. Diese Praxis sichert den Fortbestand der Weinberge und sorgt dafür, dass auch künftige Generationen in den Genuss einzigartiger Weine kommen können. In Deutschland werden keine ungepfropften Reben mehr nachgepflanzt, sodass die verbliebenen wurzelechten Rebbestände mit der Zeit vollständig verschwinden werden.